Initiative „Pro Baum“ und AHA führten am Freitag, den 07.10.2016 eine öffentliche Begehung in das Naturschutzgebiet „Nordspitze Peißnitz“ durch

Der Arbeitskreis Hallesche Auenwälder zu Halle (Saale) e.V. (AHA) und die Initiative „Pro Baum“ sehen es für dringend erforderlich an, die hallesche Saaleaue zwischen den Naturschutzgebieten „Nordspitze Peißnitz“ und ”Forstwerder“ wieder verstärkt naturnaher entwickeln zu lassen. Dieser Teil der Saaleaue, welches einst weitgehend unverbaut geblieben war sowie in enger Korrelation mit dem Naturschutzgebieten „Nordspitze Peißnitz“ und ”Forstwerder“, welche zusammen das FFH-Gebiet „Nordspitze der Peißnitz und Forstwerder in Halle“ ergeben, dem geschützten Landschaftsbestandteil Amselgrund und Kreuzer Teichen, dem geschützten Landschaftsbestandteil Amtsgarten und dem flächenhaften Naturdenkmal Klausberge steht, gehört zu den wichtigsten Biotop- und Grünverbundräumen im halleschen Saaletal. Ferner bilden diese Saaleauenlandschaften ein zentrales Element des 2.314 ha großen Landschaftsschutzgebiets „Saaletal in der kreisfreien Stadt Halle (Saale)“.

Seit mehreren Jahren müssen AHA und die Initiative „Pro Baum“ vermehrt feststellen, dass immer wieder massive Fällungen von Gehölzen u.a. auf der ca. 60 ha großen Peißnitzinsel stattfinden.

Alle seitens des AHA gegebenen zahlreichen Bedenken und Hinweise blieben bisher unbeantwortet und unberücksichtigt. Stattdessen mussten AHA-Mitglieder am Freitag, den 04.03.2016 beobachten, dass umfassende Wegebauarbeiten bis an das Naturschutzgebiet „Nordspitze Peißnitz“ heran erfolgen. Diese aus dem Fluthilfefond vom Steuerzahler finanzierten und der Querfurter Bauhütte GmbH ausgeführten Bauarbeiten haben zu massiven Eingriffen in Umwelt, Landschaft und Natur geführt. Ungehindert der Tatsache, dass im März die Brutzeit voranschreitet, Säugetierarten -wie Igel- sich noch im Winterschlaf befinden, realisierte man erhebliche Boden-, Fäll- und Ausholzungsarbeiten.

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Die gegenwärtigen massiven zerstörerischen Eingriffe im Überflutungsgebiet der Saale, als „Hochwasserschadensbeseitigung“ deklarierten Arbeiten sind nach Auffassung des AHA und der Initiative „Pro Baum“ vollkommen inakzeptabel, zeugen erneut deutlich und unübersehbar von einem weiteren Beispiel schwerster Missachtungen naturschutzfachlicher und –rechtlicher Mindestnormen durch die Verantwortlichen der Stadt Halle (Saale).

Nunmehr möchte die Stadt Halle (Saale) Pläne umsetzen, den Weg im Naturschutzgebiet „Nordspitze Peißnitz“ komplett neu auszubauen und zu schottern. Abgesehen davon, dass das unzulässige und unnötige bauliche Eingriffe darstellen, ist mit massiven Schädigungender Wurzelbereiche der Altbäume zu rechnen. Bereits Probegrabungen können nachhaltige Schädigungen z.B. an den ca. 200 bis 300 Jahre alten Stieleichen und Platanen hervorrufen. Neben der Beschädigung der Wurzeln, welche dann Pilzen als Eintrittspforten dienen, ist mit Einschränkungen in der Nahrungsaufnahme und der Standfestigkeit zu rechnen.

Zu keinem bisher durchgeführten bzw. geplanten Eingriff am bzw. im Naturschutzgebiet „Nordspitze Peißnitz“ sowie FFH-Gebiet „Nordspitze der Peißnitz und Forstwerder in Halle“ fand eine ordnungsgemäße Beteiligung gemäß § 29 des Naturschutzgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt (NatSchG LSA) statt.

Der AHA und die Initiative „Pro Baum“ forderten bzw. fordern daher immer wieder mit Nachdruck die Stadt Halle (Saale) als zuständige untere Naturschutzbehörde auf, die Arbeiten unverzüglich zu stoppen. An die Verantwortlichen im Bund und im Land Sachsen-Anhalt appellierten bzw. appellieren beide Organisationen die zur Zerstörung von Umwelt, Natur und Landschaft missbrauchten Steuergelder zurückzufordern. Derartige Vorkommnisse und Ereignisse führen nach Auffassung des AHA dazu, dass sein seit dem Jahr 1980 bestehendes Engagement zum Schutz, Erhalt, Betreuung und Entwicklung der Saaleaue zwischen den Naturschutzgebieten „Nordspitze Peißnitz“ und ”Forstwerder“ dringend geboten ist und sogar eher einer umfassenden Verstärkung bedarf. Auf Grund der fortgesetzten und geplanten Störungen und Zerstörungen am bzw. im Naturschutzgebiet „Nordspitze Peißnitz“ sowie FFH-Gebiet „Nordspitze der Peißnitz und Forstwerder in Halle“ hatten Initiative „Pro Baum“ und AHA Vertreter/-innen von Politik und Verwaltung des Landes Sachsen-Anhalt und der Stadt Halle (Saale) zu einer öffentlichen Begehung am Freitag, den 07.10.2016 eingeladen. Der Treff war 15:00 Uhr am Eingang des Peißnitzhauses.

Am Treff am Peißnitzhaus waren die Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie und 2. stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Sachsen-Anhalt Prof. Dr. Claudia Dalbert, seitens der Verwaltung der Stadt Halle (Saale) vom Geschäftsbereich II Stadtentwicklung und Umwelt aus dem Fachbereich Umwelt der Abteilungsleiter Hoheitlicher Umweltschutz Steffen Johannemann und aus dem Fachbereich Planung Simone Trettin, Mitglieder von Initiative „Pro Baum“ und AHA sowie Interessenten erschienen.

Nach einführenden Worten von Andreas Liste im Namen der beiden Veranstalter Initiative „Pro Baum“ und AHA, welche die Notwendigkeit auf der Basis der obengenannten Ausführungen beruht, nahm die Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie und 2. stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Sachsen-Anhalt Prof. Dr. Claudia Dalbert das Wort.

Sie bedankte sich für die Einladung und möchte mit der Teilnahme den Wunsch zum Ausdruck bringen auf aus der Bürgerschaft genannte Sorgen und Probleme einzugehen. Dabei bekräftigte sie, dass Sie auch die im konkreten Fall geäußerten Hinweise und Bedenken.

Im Anschluss dar an begab sich die Exkursionsgruppe zum Westzugang des Naturschutzgebietes „Nordspitze Peißnitz“. Hier erläuterte Simone Trettin die Sichtweise der Verantwortlichen der Stadt Halle (Saale), warum die aus Geldern der Fluthilfe errichteten Asphaltwege auf der Peißnitzinsel so wichtig sind. Dabei führte sie an, dass so die Wege an Stabilität mehr gewinnen, in der Unterhaltung kostengünstiger sind und zudem bessere Möglichkeiten für Radfahrer und Inlineskater böten. Auf die Zwischenfrage von Dr. Peter Bliss, wie das Verhältnis des Ausgleichs zwischen Neuversiegelung und angedachter Entsiegelung, antwortete Frau Trettin, das mit der geplanten Beseitigung der Versiegelung des früheren Appellplatzes sogar eine positive Bilanz entstünde. Konkrete Flächenzahlen nannte sie jedoch nicht. Dr. Peter Bliss wies jedoch darauf hin, dass bei dieser Berechnung offenbar unberücksichtigt bleibt, wo die Neuversiegelungen erfolgten. Er nannte als Beispiel den Grenzbereich zum Naturschutzgebiet „Nordspitze Peißnitz“ und FFH-Gebiet „Nordspitze der Peißnitz und Forstwerder in Halle“. Weiter führte er aus, man tue ja so als hätte es nie einen Weg gegeben und müsste erst eine Wegeverbindung bauen. Aus seiner Sicht war der bisherige Zustand des Weges ausreichend für die Belange der Naherholung. Dies fand eindeutig Zustimmung der überwiegenden Exkursionsteilnehmerinnen und Exkursionsteilnehmer. Andreas Liste ergänzte, dass diese Wege neben der zusätzlichen Versiegelung, Barrieren für Klein- und Kleinsttiere darstellt. Ferner haben bei Gesprächen vor Ort viele Läufer erklärt, dass sie den Asphalt aus sportgesundheitlicher Sicht ungeeignet sehen. Stattdessen laufen sie nunmehr eher neben dem Weg, was aber zur weiteren Verbreiterung der Wege und Störung der wegbegleitenden Fauna und Flora führt. Für beide Veranstalter bekräftigte er daher die Forderung die Asphaltierung des Weges unverzüglich zurückzubauen. Ministerin Prof. Dr. Claudia Dalbert meinte, dass ein Blick in die Vergangenheit nicht hilfreich sei und stattdessen in die Zukunft zu denken ist. Sie vertrat die Auffassung, dass die Stadt Halle (Saale) rechtlich korrekt gehandelt habe und daher für sie ein Rückbau der Asphaltierung nicht notwendig erscheint. Zudem fanden die Eingriffe außerhalb des NSG und FFH-Gebietes statt.

Andreas Liste wandte jedoch ein, dass die Vergangenheit schon zu betrachten sei, da keine demokratische Beteiligung der Bevölkerung stattfand, somit ein Einbringen fachlichinhaltlicher Bedenken und eine rechtliche Bewertung der Vorgänge nicht möglich waren. Daher stellen derartige Darstellungen eine sehr subjektive Wertung dar, wozu momentan objektive Überprüfungen fehlen. Außerdem fanden die Bauarbeiten in einem Landschaftsschutzgebiet und im Überschwemmungsgebiet statt. Zudem liege laut Statistischem Bundesamt und Umweltbundesamt die tägliche Neuversiegelung bei ca. 80 ha.

Hierzu bemerkte die Ministerin, dass da das Land Sachsen-Anhalt auf einem guten Weg sei. Konkrete Zahlen zu Flächen und Entwicklungen nannte sie jedoch nicht. Dr. Peter Bliss ergänzte, dass Laub und Nässe auf asphaltierten Wegen sogar durch Rutschgefahr die Unfallgefahren erhöhen kann. Zudem gilt es doch auch endlich die Bedürfnisse der Menschen zu berücksichtigen, welche Natur ohne Beton und Asphalt genießen möchten.

Nunmehr stellte Simone Trettin die planerischen Gedanken für die bauliche Gestaltung des Weges im Naturschutzgebiet „Nordspitze Peißnitz“ dar. Man sei sich der Bedeutung und des Schutzstatus des Gebietes bewusst. Daher beabsichtigt man den Auftrag einer etwa 10 cm dicken Schotterschicht, welche im Bereich der Altbäume am Wegesrand ausbleiben soll. Mit den Handschachtungen, durchgeführt durch eine nicht benannte „Fachfirma“, erfolgte eine Untersuchung der Wurzelbereiche der Altbäume. Die Wegebauarbeiten sollen schonend erfolgen.

Dr. Peter Bliss wies mit Nachdruck auf die Bedeutung des Schutzgebietes hin. Dabei erläuterte er, dass derartige Arbeiten in einem derartigen Schutzgebiet unterbleiben müssen. Bereits die Handschachtungen im Bereich der Altbäume können schon Schädigungen hervorgerufen haben. Insofern sind derartige Untersuchungen wissenschaftlich gesehen als zweifelhaft anzusehen. Im Übrigen meinte er, sehe bei dem gegenwärtigen Zustand des Weges kein Handlungsbedarf.

Simone Trettin meinte, dass es doch auch in einem Schutzgebiet möglich sein muss Wegeunterhaltung zu betreiben. Immerhin beruht ja der gegenwärtige Weg ja auch auf derartigen Maßnahmen. Ähnlich möchte man es ja auch auf der Rabeninsel handhaben, wo es keine Stellungnahmen der anerkannten Naturschutzverbände gibt. Zudem entscheiden zuletzt Halles Stadträte.

Andreas Liste entgegnete, dass man immer noch nicht verstanden hat, dass das Schutzgebiet kein Park darstellt und Unterhaltungsmaßnahmen an Wegen sehr wohl Eingriffe darstellen. Ferner ist davon auszugehen, dass die Wurzeln der angrenzenden Bäume den Weg durchwachsen haben. Die Kronenbereiche der Bäume entsprechen in etwa der Größe der Ausdehnung der Wurzeln. Jegliche bauliche Maßnahmen wie Verdichtungen, mechanische Schädigungen, Aufschüttungen und Abträge von Böden können diese Wurzeln beschädigen bzw. zerstören. Das hat kurz über lang ein Absterben der betreffenden Bäume zur Folge. Zudem gehören Pfützen zu einem Schutzgebiet dazu, wo sich Vögel baden und genauso wie Insekten trinken können. So ist es auch auf der Rabeninsel zu sehen. Im Übrigen hat der anerkannte Verband Bund für Natur und Umwelt, Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. keine Planungsdokumente zur Bitte um Stellungnahme erhalten. Von daher war die Erstellung einer Stellungnahme gar nicht möglich. Andreas Liste erläuterte weiter, dass bereits zu DDR-Zeiten der Arbeitskreis Umweltschutz Halle (AKUS) in der Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund der DDR das Thema mit den damals Verantwortlichen der Stadt Halle (Saale) diskutierte. Dies führte dazu, dass seit Mitte der achtziger Jahre diese Arbeiten unterblieben. Leiter des AKUS in den Jahren 1984 bis 1987 war übrigens Dr. Peter Bliss. Andreas Liste erwähnte, dass alle Fraktionen des Landtages Sachsen-Anhalt und des halleschen Stadtrates Einladungen erhalten hatten. Niemand von beiden Gremien ist erschienen. Zumindestens Stadträtinnen und Stadträte der Stadt Halle (Saale) hätten sich so einmal einen Einblick vor Ort verschaffen können. Somit liegt der Verdacht nahe, dass dazu leider nicht das notwendige Interesse vorliegt. Dies muss sich jedoch unbedingt und dringend ändern !

Darüber hinaus wies Andreas Liste darauf hin, dass Rabeninsel und Peißnitznordspitze zu den arten- und strukturreichsten Auenwäldern im Stadtgebiet von Halle (Saale) gehören. Das erfordert ein sehr hohes Maß an Schutzmaßnahmen und sensiblen Umgang mit diesen sehr wichtigen Naturgütern.

Der Einwand von Torsten Nohr, dass immer wieder Kraftfahrzeuge des Ordnungsamtes in das Naturschutzgebiet fahren, blieb seitens der VertreterInnen der Stadt Halle (Saale) ohne Reaktion.
Im Anschluss daran legte die Ministerin nochmals ihre bereits bekannten Positionen dar und bedankte sich für die Einladung.

Die überwiegende Anzahl der Exkursionsteilnehmerinnen und Exkursionsteilnehmer bekräftigten noch einmal ihre Sichtweise und baten die Ministerin diese mitzunehmen. Ferner bedankten sich die Veranstalter Initiative „Pro Baum“ und AHA, dass sie an der Exkursion teilgenommen hatte. Nach ihrer Verabschiedung, verließen sie und Simone Trettin die Veranstaltung.

Im Anschluss begaben sich die anderen Exkursionsteilnehmerinnen und Exkursionsteilnehmer in das Naturschutzgebiet „Nordspitze Peißnitz“, wo sie sich u.a. den Zustand des Weges in Augenschein nahmen, welche die weit überwiegende Anzahl der Anwesenden als gut und ausreichend ansahen.
Im Ergebnis der Exkursion waren sich beide Veranstalter einig, dass das bürgerschaftliche Engagement im Interesse von Schutz, Erhalt, Betreuung und Entwicklung Verstärkung erfahren muss. Ferner sehen sie die dringende Notwendigkeit grundlegender diesbezüglicher politischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Veränderungen. Daher erfolgt der Aufruf zur Mitwirkung in der ehrenamtlichen AHA-Arbeitsgruppe Peißnitz.

Wer noch mehr zu den Aktivitäten beider Organisationen auf der Peißnitzinsel erfahren möchte, wende sich bitte an folgende Anschrift:

Arbeitskreis Hallesche Auenwälder zu Halle (Saale) e.V. – (AHA)
Große Klausstraße 11
06108 Halle (Saale)
E-Mail AHA: aha_halle@yahoo.de
Internet: http://www.aha-halle.de
Tel.:: 0345 – 2002746

Fotos Christine Fröhlich

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